Mittwoch, 3. März 2010Bilanzkreismanagement Gas in der Praxis
Belebung des Wettbewerbs durch Erleichterung des Netzzugangs und Vereinfachung bzw. Standardisierung von Prozessen und Senkung des Prognose-Risikos für die Transportkunden im Gasmarkt - mit diesen Zielen hat die Bundesnetzagentur Ende Mai 2008 die GABi Gas, das Grundmodell der Ausgleichsleistungen und Bilanzierungsregeln im deutschen Gasmarkt, veröffentlicht und dadurch neue Regeln für das Bilanzkreismanagement und damit zusammenhängende Prozesse im Gassektor festgelegt. Die Umsetzung dieser Anforderungen stellte viele Markteilnehmer der Gaswirtschaft im letzten Jahr vor komplexe Herausforderungen.
Eine dieser neuen Herausforderungen ist u. a. der Übergang von der bisherigen Stunden- auf die Tagesbilanzierung und die Umstellung von der monatlichen auf eine tägliche bzw. untertägliche Datenlieferung. SLP- und ein Segment der RLM-Kunden werden dabei als Tagesband (d. h. 1/24 der Tagesmenge pro Stunde) bilanziert, ein anderes Segment der RLM-Kunden im jeweiligen Zeitreihentyp hingegen täglich mit der gemessenen Stundenmenge.
Besonders hervorzuheben ist, dass die Standardlastprofil-Kunden vom Ausspeisenetzbetreiber zum Zeitpunkt D-1, d. h. heute für morgen auf Basis der Prognose-Temperatur bilanziert werden. Diese Daten sind somit bilanzierungs- und abrechnungsrelevant. In diesem Fall ist die Ausspeisung im Bilanzkreis bereits am Vortag bekannt. Der große Vorteil für den Transportkunden besteht darin, dass diese Position für ihn keine Risikoposition mehr darstellt.
Massiver Anstieg der zu verwaltenden Datenmenge
Bilanzkreisnetzbetreiber (BKN) haben neben den Prozessen zur Regelenergiebeschaffung und Abrechnung von Ausgleichsleistungen weit reichende Veröffentlichungspflichten einzuhalten und die durch (Re-)Nominierungen, Allokationsdaten und Datenversand steigende Datenmenge zu bewältigen. Händler und Bilanzkreisverantwortliche müssen nun die aus den veränderten Marktanforderungen und dem Preissystem für Ausgleichsenergie resultierenden neuen Bezugs- und Absatzstrukturen analysieren und sich auf das nun stundenscharf getaktete Anreizsystem strategisch und prozessual neu ausrichten.
Mit der Einführung der GABi-Gas-Regeln hat die Intensität des Datenaustausches für den Ausspeisenetzbetreiber (ANB) erheblich zugenommen. Mindestens zweimal täglich muss die Fernauslesung der Daten, die Plausibilitätsprüfung und Ersatzwertbildung, Datenverarbeitung, -aggregation und -versand in unterschiedlichen Formaten fehlerfrei ablaufen. Dabei sind zur Absicherung der Kommunikation unter den Marktpartnern Contrl-Nachrichten zur Empfangsbestätigung und Aperak-Nachrichten für Syntaxfehler zu verwenden. Des Weiteren hat der ANB zur Strukturierung der Datenflüsse die Aufgabe monatlich zum 17. Werktag des Fristenmonats sogenannte Deklarationslisten zu versenden.
Herausforderungen an eine nachhaltig gute Datenqualität
Theoretisch sichern realitätsnahe Standardlastprofile, Verbrauchsprognosen der Standardlastprofilkunden, exakte Messungen der RLM Kunden und korrekte Meldungen des Ausspeisenetzbetreibers einen plausiblen Netzkontostand. Im Netzkonto werden durch den BKN die Ein- und Ausspeise-Energiemengen gegenübergestellt und veröffentlicht. In der Praxis zeigt sich, dass Abweichungen im zweistelligen Prozentbereich in einzelnen Marktgebieten keine Seltenheit darstellen. Der Ausgleich der Netzkontensalden erfordert eine aufwändige Mehr-/Mindermengenabrechnung.
Des Weiteren stellt die Regelenergiebeschaffung eine zentrale Herausforderung dar. Bilanzkreisnetzbetreiber müssen bei der Regelenergiebeschaffung ein Umlagekonto mit den Kosten und Erlösen für die Ausgleichsenergie, Erlösen aus Strukturierungsbeiträgen und Kosten bzw. Erlösen bei der Beschaffung oder Veräußerung externer Regelenergie führen, denn die Kosten und Erlöse werden auf die Bilanzkreisverantwortlichen umgelegt. Die Bandbreite der Kontostände der einzelnen Bilanzkreisnetzbetreiber reicht von Defiziten im zweistelligen Millionenbereich bis zu Überschüssen in der gleichen Höhe.
EDV-Unterstützung dringend erforderlich
Trotz der GABi-Herausforderungen kann eine Zunahme der Gashandelsaktivitäten beobachtet werden. Derzeit sind rund 1.000 Transportkunden - Tendenz steigend - auf dem deutschen Energiemarkt tätig. Höchste Zeit also, neben unternehmensinternen organisatorischen Prozessen auch die Marktprozesse mittels Software zu automatisieren und zu standardisieren. Viele überwiegend kleinere Marktteilnehmer verfügen derzeit noch nicht über professionelle Software-Unterstützung für die neuen Prozesse, sondern arbeiten mit selbstentwickelten Hilfslösungen. Langfristig ist angesichts der beträchtlichen Komplexität die Nutzung professioneller Software ein entscheidender Erfolgsfaktor. Eine konsequente Optimierung und Automatisierung der Geschäftsprozesse trägt zur nachhaltigen Effizienzsteigerung bei. Der stetig steigende Informationsfluss kann heute nur mit Unterstützung durch eine ganzheitliche EDM Software-Lösung wirtschaftlich und effizient bewältigt werden.
Vor der Entscheidung über die Neueinführung eines EDM-Systems muss eine fundierte Kostenanalyse stattfinden. Neben der Wirtschaftlichkeit sind die Regulierungskonformität, die gewinnbare Flexibilität und Professionalisierung entscheidende Bewertungsparameter. Unter Umständen kann es vorteilhaft sein, das EDM-System nicht allein zu betreiben, sondern gemeinsam im Stadtwerkeverbund oder sogar Systembetrieb und ausgewählte Prozesse wie das Bilanzkreismanagement von unabhängigen Dritten durchführen zu lassen. Im Zuge der Kostenanalyse sind diese Optionen zu betrachten und somit alle Einsparchancen, die die Einführung eines EDM-Systems mit sich bringt, wertneutral gegenüberzustellen. Dabei werden im ersten Schritt alle relevanten EDM-Prozesse identifiziert, deren Vernetzungen transparent gemacht und dokumentiert.
Komplexe Aufgaben sind noch zu meistern
Festzuhalten ist: GABi Gas belebt den Wettbewerb, trotz hoher Herausforderungen. Zur Erhöhung der Datenqualität müssen die Standardlastprofile genau betrachtet und gegebenenfalls Anreize für die Ausspeisenetzbetreiber geschaffen werden, um die Netzkonten vorausschauend im Ausgleich zu halten. Ferner bedeutet eine Verminderung von Marktgebieten eine weitere Belebung des Wettbewerbs und Verringerung von Prozessen für viele Marktteilnehmer. Die Automatisierung der Prozesse durch geeignete, bereits vorhandene Software-Systeme ist besonders wichtig und ermöglicht den Unternehmen eine erhöhte Konzentration auf die eigenen Kernprozesse und eine Steigerung der Wertschöpfungstiefe.
Autor: Bashkim Malushaj, Leiter Gasmanagement, bofest consult GmbH, Ratingen